Hier mal ein „Netz-Fund“

Und das steht auch uns bevor

http://www.faz.net/aktuell/politik/wahl-in-amerika/wahl-in-amerika-sie-wollen-dass-der-schmerz-endlich-aufhoert-14159528.html

 

Wahl in Amerika - Sie wollen, dass der Schmerz endlich aufhört

Im Radio und im Fernsehen wird immer wieder gefragt, ob Donald Trump wirklich die Wahl gewinnen kann. Eine kurze Antwort gibt es nicht – für die lange muss man 40 Jahre zurückgehen..

07.04.2016, von Michael Goldfarb

Von mir stark gekürzt – deshalb der Link ganz oben!

Es ist interessant, dass Springsteen gerade sein „The River“-Album wiederentdeckt. Denn immer, wenn der schlummernde Zorn in Amerika wieder einmal explodiert und den Rest der Welt daran erinnert, dass das Land in Schwierigkeiten ist, scheint Springsteen diejenige kulturelle Figur zu sein, deren Arbeit ein Erklärungsmodell bietet.

Im Herbst 1986, in der Mitte der zweiten Amtszeit von Ronald Reagan, als die amerikanischen Städte von den beiden Geißeln Aids und Crack heimgesucht wurden und die Wall Street, dieses Fegefeuer der Eitelkeiten, mit den Ideen des New Deals nach ökonomischer und sozialer Fairness suchte, veröffentlichte der britische „Guardian“ ein Editorial. In ihm hieß es: „Ob es gut ist oder schlecht, aber Amerika ist im Begriff, ein viel fremderes Land zu werden.“

Amerika ist in einer schlimmeren Lage als in den 70ern

In der Mitte der 70er Jahre begann die massive Abwanderung der Bevölkerung nach der langen Rezession. Bruce Springsteenhatte dazu den Titel „Torn in the USA“ geschrieben.

Doch jetzt ist Amerika in einer noch viel schlimmeren Lage, auch wenn sie nicht grundsätzlich neu ist. Was wir derzeit sehen, ist die Fortsetzung eines Zerfalls, der schon vor 40 Jahren begonnen hat – zu der Zeit, als Springsteen den Titelsong des Albums schrieb. Das Lied „The River“, veröffentlicht 1980, handelte von Typen, die gerne zurück in die Zeit ihrer Eltern wollen und alles versuchen, um der unausweichlichen Verantwortung, die wir im Leben irgendwann übernehmen müssen, Ehefrauen, Kinder, Job, Miete, zu entgehen – und auch den ebenso unausweichlichen Enttäuschungen des Lebens durch Frauen, Kinder, den Job, die Miete und einen selber. 

Der Titelsong ist eine lange, klagende Geschichte über diesen Prozess und das Verlangen des Erzählers, wieder die Person von früher zu sein, als er noch jung und voller Hoffnung war.

„I come from down in the valley
Where mister, when you're young
They bring you up to do / like your daddy done...“

Detroit

40 Jahre Niedergang: An wenigen Stellen ist er in den Vereinigten Staaten so sichtbar wie in Detroit

Der zentrale Punkt im Lied ist der, wie der eigene Vater zu sein: Mache den gleichen Job, verhalte Dich wie er, mache das Richtige. Im Lied ist es dieses verbindende Band, das die Wahlmöglichkeiten im Leben beschränkt. Dein Vater hat in einem Stahlwerk gearbeitet, also wirst auch Du in einem Stahlwerk arbeiten oder am Fließband am River Rouge oder unten in einer Mine.

Was würden viele von uns heute für die soziale und wirtschaftliche Stabilität geben, um die es in Springsteens Text geht. Ein gewerkschaftlich organisierter Job, 30 Jahre sichere Arbeit, Rentenanspruch. Klingt toll.

Der Erzähler im Lied fährt fort:

„I got a job working construction at the Johnstown company
but lately there ain't been much work on account of the economy.“

Springsteen wurde für den Song von seinem Stiefbruder inspiriert, der in den trüben Tagen nach der Ölkrise von 1973 versuchte, in Lohn und Brot zu bleiben – inmitten eines halben Jahrzehnts von Inflation und wirtschaftlicher Stagnation. Zu dieser Zeit wurde Stagnation lediglich als ein zyklisches Phänomen betrachtet: Die Wirtschaft  würde schon wieder anspringen, hieß es, und den Aufschwung für alle bringen.

Die Wirtschaft sprang wieder an, aber schon 1982 folgte die nächste Rezession, danach sprang sie wieder an und stürzte wieder ab. Das ging in regelmäßigen Abständen so weiter – bis zur Nahtod-Erfahrung von 2007/2008.

Trump

„Sie suchen nach einem politischen Führer, der ihren Schmerz wiedergibt“:
der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump

Trotzdem verstanden damals nur sehr wenige Menschen, was für ein epochaler Umbruch da gerade in der amerikanischen Wirtschaft stattfand. Das Bruttosozialprodukt stieg, die Einkommen nicht. Der Durchschnittsverdienst der Arbeiter stagnierte. Menschen im Niedriglohnsektor sahen ihre Einkommen sogar schrumpfen. Der Jobsicherheit machten die immer schnellere Automatisierung, die schwindende Macht der Gewerkschaften und der Abschluss von Freihandelsabkommen den Garaus.

Amerika wird für manche reicher, für einen selbst aber nicht

Menschen, die es wie ihre Eltern machen sollten, konnten sich deren Leben jetzt auf einmal nicht mehr leisten; sie konnten es sich noch nicht einmal mehr leisten, wie ihre Eltern in den Tälern und Städten nahe den Fabriken zu leben, weil es dort kaum noch Arbeit gab. Eine große Abwanderung in den Südosten und Südwesten war die Folge, wobei „große Ausbreitung“ eine ebenso gute Bezeichnung dafür wäre.

Wie sehr mag es schmerzen, die Sicherheit verlassen zu müssen, in der man aufgewachsen ist, die Gemeinschaft der Familie, der Kirche und der Freunde, die einen seit jeher kennen. Man zieht 500 oder 1000 Meilen weiter nach Süden und lebt plötzlich in irgendeiner Vorstadt, an einer Kreuzung im Nirgendwo, und muss unglaublich hart arbeiten, um ein vergleichbares Gemeinschaftsgefühl zu schaffen. Man findet zwar einen Job, aber im Gegensatz zu dem des Vaters ist er nicht mehr gewerkschaftlich organisiert, man arbeitet für weniger Geld und hat viel weniger Sicherheit. Wenn die Wirtschaft einbricht, steht auch der Job auf der Kippe.

Amerika wird für einige reicher, aber nicht für einen selbst. Das tut weh.

Im Herbst 1992, gab es noch immer Menschen um die vierzig, die nicht mehr wie ihre Eltern leben konnten, weil die große Inflation seit den 70er Jahren ihre Gehälter kontinuierlich verringert hatte. Da gab es Menschen in ihren späten 60ern, die entdecken mussten, dass ihre Ersparnisse für ihre Rente schon am dritten Tag ihrer Krebsbehandlung aufgebraucht waren. Sie brauchten jemanden, der diese Katastrophen bezeugen würde.

Sie wollen, dass der Schmerz aufhört

Auch die Wahl Bill Clintons hatte nichts verändert. Der Schmerz war jetzt höchstens noch sichtbarer.

Geb-Detroit

Zerstörtes Gebäude in Detroit:
Das Leben, das ihre Väter geführt haben, können sie sich nicht mehr leisten

In jenem Jahr hatte es an den Ufern des Mississippi gigantische Überflutungen gegeben. Wir liefen runter zum Fluss und schauten rüber zum anderen Ufer nach Illinois, wo noch immer das Flutwasser stand. „Man konnte nicht erkennen, wohin der Fluss fließt“!
Das war vor fast einem Vierteljahrhundert. Viele Menschen können noch immer nicht erkennen, wohin der Fluss fließt: Sie wollen, dass endlich jemand etwas tut, damit der Schmerz aufhört.

Im letzten Jahrzehnt ist der Club der Versehrten immer größer geworden, und seine Mitglieder kommen immer mehr aus der Mittelschicht. Wir kennen den Schmerz, seine Kinder anzusehen und ihnen sagen zu müssen: Das, was ich hatte, als ich so alt war wie Du, kann ich Dir nicht geben.

Wenn ich das Phänomen Trump erkläre, dann weiß ich, dass ich diese Geschichte nicht zu erzählen brauche. Ich muss mich auf die Geschehnisse des Tages beschränken und die Launen der Vorwahlen erklären. Ich muss Zahlen herunterbeten: die Umfragen, die Arbeitsmarktdaten, die Stagnation der Gehälter. Ich muss die Geschichte voranbringen, weil die ungläubigen Moderatoren jedes Interview mit der Frage beenden: „Aber kann Trump wirklich gewinnen?“

Es gibt keine Zahl, um diesen Schmerz zu messen

Dann denke ich, dass es keine Möglichkeit gibt, in einem kurzen Interview die Auswirkungen von 40 Jahren Schmerz in der sich verändernden amerikanischen Gesellschaft zu erklären. Es gibt keine Zahlen und keine Daten, um diesen Schmerz zu messen.

Am Ende seines Songs „The River“ schreibt Bruce:

„Is a dream a lie if it don't come true
or is it something worse?“

40 Jahre Schmerz haben einige Menschen dazu gebracht auf diese Frage zu antworten, dass der amerikanische Traum schlimmer als eine Lüge ist, und mit dieser trostlosen Antwort im Kopf suchen sie nach einem politischen Führer, der ihren Schmerz wiedergibt.

Deshalb war meine Antwort auf die Frage der Moderatoren, ob Trump gewinnen kann, schon vor dem Beginn der Vorwahlen dieselbe wie jetzt:

Ja. Er kann.

Und ich hoffe, er wird!

Der Text ist zuerst bei BBC News erschienen. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Oliver Georgi - und wurde von mir verkürzt, ohne den sinn zu verändern!